Interessante Studie: Medical reversals. Interessantes Projekt: Senior Experten Service. Lustiger Protest.

Relativ kürzlich ist eine neue Studie in der Zeitschrift eLife (frei zugänglich unter diesem link) veröffentlicht worden, in der „medical reversals„, also Änderungen medizinischer Gepflogenheiten untersucht wurden. Es wurden bis 2017 knapp 400 solcher Richtungsänderungen identifiziert. Spannend ist die Lektüre der als e-Supplement verfügbaren Liste, weil dort auch für unsere Fachgebiete vernünftig erscheinende Empfehlungen revidiert werden. Durch Beachtung der Erkenntnisse ersparen wir unseren Patienten unnötige Behandlungen und dem System unnötigen Aufwand. Für mich die überraschendsten Erkenntnisse: Screening von Auslandsheimkehrern der Armee auf psychische Symptome sinnlos. Prophylaktische Volumengabe vor Kontrastmittel sinnlos. Ganzhirnbestrahlung für Lungenkrebsmetastasen sinnlos. Sehr frühe Mobilisierung nach Schlaganfall eher schädlich, routinemäßige Sauerstoffgabe bei Schlaganfallpatienten sinnlos. Mehr als eine Sitzung Physiotherapie oder ein Anleitungsbuch sind nach Schleudertrauma sinnlos. Sowohl Diclofenac als auch manuelle Therapie verändern den Verlauf von akuten Rückenschmerzen nicht. Intracranielle arteriovenöse Malformationen sollten nicht interventionell behandelt werden. Diabetesscreening ist sinnlos. Sertralin oder Mirtazapin senken bei Alzheimerpatienten nicht die Rate depressiver Symptome. Wearables (Fitness-Uhren etc.) verschlechtern den langfristigen Erfolg von Gewichtsabnahme-Programmen. Kontrollbehandlung besser als KG bei Hüftarthrose. Gerade die Widerlegung von prima vista vernünftig erscheinenden Vermutungen ist m.E. wertvoller als die 10. Bestätigung einer Binsenweisheit.

Es kommt der Jahreswechsel und damit traditionell die Gelegenheit, auch Grundsätzliches zu bedenken. Welche Art von Hilfe ist sinnvoll? Der Organisation mit den großen Kinderaugen auf den Plakaten spenden? Relativ pragmatische Hilfe wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert: Der Senior Experten Service soll nachhaltige Entwicklungshilfe bei wirtschaftlichen und gesundheitlichen Projekten geben. Das charmante daran ist, dass keine von außen gesteuerten Brücken nach Nirgendwo gefördert werden, sondern Hilfe für selbstinitiierte Projekte geleistet wird. Zum Beispiel werden Techniker oder Handwerker zur Optimierung von Produktionsprozessen gesucht, Ärzte beim Aufbau von Gesundheitsleistungen. Dabei darf im Zielland tatsächlich Profit erzeugt werden – dadurch ist echtes Interesse an der fachlichen Hilfe für nachhaltige Veränderung sichergestellt und nicht nur einmaliges Abgreifen von Fördergeldern. Großteils sind die Projekte von Hilfesuchenden als Anfrage an den SES formuliert und passende Fachleute werden dafür gesucht. Beispielprojekte sind hier zu finden, die Kontaktaufnahme läuft über Herrn Seegräf.

Protest muss nicht immer ernst daher kommen. Für ein paar vergnügliche Minuten wird der folgende link zu unserem geschätzten und musikalischen Kollegen Dr. Bruddler empfohlen, der „mein lieber Spahn“ singt. Viel Spaß!

Und vom Vorstand des BVDN Baden-Württemberg die besten Wünsche für eine schöne Weihnachtszeit und ein gesundes und erfolgreiches Neues Jahr!